phonoTAKTIK-Rückblick

- die unendliche Geschichte der elektronischen Komponisten und notorischen Soundbastler

Knöpfe, Kabelsalat, Computer, Mischpulte, Turntables, Vinyl, Mikrophone und nicht definierbare Geräte die Unheimliches vermuten lassen, vervollständigen das Bild dieser 2. Wiener Phonotaktik Veranstaltung. Das erste phonotaktische Event, wurde von Richard Dorfmeister und Peter Kruder in einem Designmöbelcenter im Kellergeschoß vor vier Jahren feierlich beendet.

Wer heuer von den vielen, teils unbekannten elektronischen Musikern zum internationalen Star á la K&D aufsteigen wird, steht noch in den Sternen. Aber um Stars geht es hier nicht. Im Mittelpunkt stehen österreichische Musikanten die statt an einer Baßgitarre, an elektronischen Reglern zupfen. Das macht den phonoiden Teil dieses Festivals aus. Ob schräg experimentell, angenehm chillend, oder lautstark breakbeatärisch, die Verwunderung über das Dargebotene steht dem Publikum sichtlich ins Gesicht geschrieben. Vor allem taktisch konnte sich diese Veranstaltung schon von Beginn an in Szene setzen. "Wie komme ich an diese blöden Karten," tönt es aus den Reihen Elektronik-Interessierter jedoch technisch Nicht-Versierter.

Schritt 1: man hole sich einen Code in Form eines Briefloses. Schritt 2: Geschäft mit Code ausfindig machen. Schritt 3: www.phonotaktik.at anwählen. Schritt 4: Code und Daten eingeben. Schritt 5: der Computer hängt sich auf - alles von vorne.

Als weitere taktische Hürde, erwies sich die Suche nach den unterschiedlichsten, teils unbekannten Locations. Von der Feuerhalle der Stadt Wien über das Kriminalmuseum, vorbei an der Wotrubakirche bis hin zum Stadionbad, erwies sich der Stadtführer als unentbehrlich. Die Veranstalter P.Rantasa und P. Rehberg haben diese Austragungsorte als "emotionale Schnittpunkte" der Stadt Wien gewählt, um den jeweiligen Acts die nötige Konnotation eines elektronischen, imaginären Gesamtbildes teil werden zu lassen. Das Festival war dem österreichischen Elektronikerpionier Max Brand gewidmet. Schon 1929 komponierte der leidenschaftliche Futurist seine erste elektronische Oper "Maschinist Hopkins" die in Duisburg uraufgeführt wurde. Neben dem Sonar-Festival in Barcelona, darf sich die Wiener phonoTAKTIK-Veranstaltung als das wichtigste internationale, elektronische Festival verstehen. Die darbietenden Künstler waren sichtlich erfreut, einmal aus deren miefigen Wohnzimmerstudios heraus zu kommen und einem interessierten, wenn auch verdutzten Publikum ihre Schmankerln feil bieten zu können. "Heute spiele ich einmal nicht das, was sich die Meute von mir normalerweise erwartet," freut sich der Produzent und Dj Darcosan.

Nur Dj zu sein war bei dieser Veranstaltung zu wenig. Der uneingeschränkte Experimentiergeist der Knöpfchendreher, billigt nur Dj´s, die zum Beispiel wie Dj DSL versprechen, einen Abend lang mit zwei Platten die Schaulustigen befriedigen zu können. Und wirklich - die Rechnung ist aufgegangen. Neben der von Gebhart Sengmüller präsentierten Video auf Vinyl Geschichte, die die Anwesenden im Rhiz zunehmend verwirrte, hypnotisierte DSL das Publikum in eine monotone 2-Platten Euphorie. Welche Ausmaße die musikalische Demokratisierung bis zum nächsten elektronischen Großevent nehmen wird, bleibt wohl der uneingeschränkten Phantasie der Künstler und den zukünftigen technoziden Innovationen vorbehalten.
Bis dahin: gut lausch.





(15. Mai 1999. Karina Schwann)

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