[Bilder: Mongrel/ Natural Selection]

Von Grenzziehungen und Schlüssel-Wörtern.

Was hat es zu bedeuten, wenn die Website der BAA (British Airport Authorities) plötzlich kritisch thematisiert, welche Schwierigkeiten Jamaikaner mit der Zoll- und Immigrationsverwaltung haben? Publizierte Schizophrenie? Ein Hack? Oder ein Witz?

Mongrel ist eine multinationale, in London stationierte Künstlergruppe, die - wie viele andere - die Verflechtung von technologischen Entwicklungen und gesellschaftlich-sozialen Parametern nicht unkommentiert lassen will.

Mongrel imitierte das Layout zahlreicher Webseiten und füllte sie mit veränderten Inhalten. So auch die der BAA. Anders als Hacker ließen sie dabei die Originale unberührt. Nicht ganz: Eine eigens dafür programmierte Suchmaschine trifft die Natural Selection: Bei der Eingabe eines von 8000 vorgesehenen Schlagwörtern spuckt die Suchmaschine die veränderten Kopien [statt der Originale] aus dem mongrelschen Subnet aus. Ansonsten krabbelt sie - wie gewöhnlich - durch das gesamte Internet. Fake oder nicht - die Trefferlisten wirft alles in einen Topf. Und: Wer die Urheber der Suchmaschine nicht kennt, wird wohl zunächst überhaupt nichts bemerken.

Das Projekt "Natural Selection" entstand, nachdem Mongrel [offenbar eine Bilderbuch-Multikulti-Community] provokativ um Fördergelder ansuchte: Für die Entwicklung einer rechtsextremen Suchmaschine. Das Geld kam - und die Mongrels waren "am Boden zerstört".

Mongrel will illustrieren, wie die Dinge im Netz [und fortwirkend auch vor den Monitoren] auf unsichtbare Art und Weise klassifiziert werden: Suchmaschinen operieren mit Schlagworten. Ganz allgemein sind Abgrenzungen und Verallgemeinerungen ein praktikables Mittel zur notwendigen Orientierung. Aber: Ähnlich wie bei Schlagwortregistern in Bibliotheken wird die eigene Wahrnehmung durch ein Ordnungssystem gelenkt, das von Anderen vorgegeben wird. Begriffe, die nicht erfaßt sind, existieren innerhalb jenes Mikrokosmos nicht. Gleichzeitig ist jede Kategorie zwangsläufig mit Werten belegt.

Und noch etwas: Der Weg zu einer Information ist für die Bewertung derselben ebenso wichtig, wie die Information selbst. Konstruktivistisch gedacht: Was wir sehen, hängt davon ab, was wir erwarten. Eine unkritische Umgehensweise mit im Netz publizierten Inhalten, wird bei der "Natural Selection" unmöglich gemacht: Wer damit rechnet, getürkten Seiten zu begegnen, nimmt anders wahr.

Was hier als Projekt auftritt und für die standardmäßige Recherche im Netz kaum benutzt werden wird, ist grundsätzlich kaum fragwürdiger, als alle anderen Suchmaschinen: Die Parameter für die Generierung der Trefferliste sind hier wie dort völlig untransparent. Alta Vista zum Beispiel, eines der prominentesten Suchwerkzeuge im Netz, plant - nach einer Meldung von Wired - die Top-Treffer im Suchergebnis meistbietend zu verkaufen. (Was bei Goto bereits längst so geschieht, allerdings offensichtlich gekennzeichnet.)

Die derzeit übliche Suchmaschinen-Operation: insert-keyword-and-press-button-to-select ist hilfreich, um Internet-Seiten zu spezifischen Inhalten zu finden. Welche Seiten wir dabei nicht zu Gesicht bekommen und warum, oder nach welchen Schlüsseln die Tools ihr Ergebnis strukturieren, liegt noch weit hinter dem Quelltext. Wie im richtigen Leben.

(04. Mai 1999. Sabine Schally)



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