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Kunst: Ministerium oder Chefsache?Österreichische Kulturpolitik - ein Interview mit Michael Wimmer Daniela Koweindl: Kunstministerium oder "Chefsache" Kunst - was ist von diesen beiden Modellen zu halten? Wo liegen die Vor- und Nachteile? Michael Wimmer: Chefsache heißt dann etwas, wenn sich die entsprechende Person wirklich damit auseinandersetzt
und eine Offensive startet, aber es nur so zu benennen und sich dann nicht mehr darum zu kümmern, nutzt niemandem etwas.
D.K.: Das bedeutet, nicht die Institution, sondern die letztendlich verantwortliche Person bestimmt die Grenzen kulturpolitischen Handelns? M.W.:Ich halte es für völlig bedeutungslos, ob diese Erfolge oder Misserfolge in Form eines Staatssekretariats oder in Form eines Ministeriums daherkommen. D.K.: StaatssekretärInnen, so auch Peter Wittmann, haben keine Entscheidungskompetenz im Ministerrat.
M.W.: Es war ursprünglich anzunehmen, dass es mit seiner Unterstützung leichter sein
könnte, Maßnahmen auch in anderen Ressorts durchzubringen, als das ein Staatssekretär alleine
oder auch ein allfälliger Kulturminister zusammenbringen könnte.
D.K.: Welche Idee steckte im Jänner 1997 dahinter, das Ministerium aufzulösen und ein Staatssekretariat für Europa, Kunst und Sport zu gründen? M.W.: Wenn ich mich zurückerinnere, ist die Installierung der letzten Bundesregierung sehr stark
unter einem Spardruck gestanden.
Man wollte sich hier keinen eigenen Minister leisten und hat in einer naiven Einschätzung gesagt, wenn man die Kunstagenden direkt dem Bundeskanzler zuordnet und sie von eine Staatssekretär konkret durchführen lassen würde, dann käme es zu einer Aufwertung des Ressorts. Das ist so lange gut gegangen, bis Wittmann das erste mal an die Öffentlichkeit gegangen ist und dort ein Desaster erlebt hat. D.K.: Wenn Sie nun Wittmann als gescheitert bezeichnen, wen könnten Sie sich in der österreichischen politischen Landschaft vorstellen, die oder der das besser machen könnte? M.W.:An diesem "name-dropping" werde ich mich sicher nicht beteiligen.
Ich halte Spekulationen auch wirklich für sinnlos, solange keine Person da ist, die nur halbwegs über ein kulturpolitisches Konzept verfügt. D.K.: Und derartige Konzepte finden Sie zur Zeit bei keiner der Parteien? M.W.: Ich glaube, ich habe deutlich gesagt, dass ich die nirgendwo entdecken kann. Immer wieder meldet sich das Fehlen einer mittelfristigen Perspektive.
Und jetzt vor der nächsten Wahl sehe ich es wieder:
D.K.: Angenommen es würde demnächst eine Koalition von ÖVP und FPÖ geben:
M.W.: Ich glaube nicht (und das kann man ja auch in Kärnten sehen), dass der Herr Haider als der große "Gott-sei-bei-uns" auftreten und alles "z'sammhau'n" wird - weil er genauso einen kulturpolitischen Profilierungsbedarf hat. D.K.: Im "Weißbuch zur Reform der österreichischen Kulturpolitik"
(an dessen Entstehen Sie mitgearbeitet haben) wird die Einrichtung eines
Ministeriums für Kultur und Medien gefordert.
M.W.: Im Weißbuch ist die Forderung eines Ministeriums einer von vielen Punkten.
Entscheidend ist doch, ob es für die nächste Legislaturperiode so etwas wie ein kulturpolitisches Rahmenprogramm gibt, ob es so etwas wie eine kompetenzüberschreitende Zusammenarbeit gibt, ob es eine wirkliche Schwerpunktsetzung gibt, um dann zu schauen, was ist das Personal, was sind die Institutionen, die das am besten realisieren können. D.K.: Könnte nicht gerade hier das Weißbuch als Ideenkatalog sehr nützlich sein und Perspektiven bieten? M.W.: Das Weißbuch hat einen großen Vorteil gehabt: es hat zumindest eine Zeit lang eine öffentliche Diskussion stimuliert. Das halte ich für positiv, das faktische Resultat schätze ich gleich null ein. Es war auch eine Beschäftigungstherapie, um irgendwie über die Legislaturperiode zu kommen. Wittmann hat in seinen ersten öffentlichen Stellungnahmen geantwortet, er werde schauen, was er davon realisieren will und was er davon nicht realisieren will - aber das ist kein kulturpolitisches Konzept! Was jetzt passiert ist Krisenintervention, von einem Tag zum anderen handeln.
D.K.:Die Forderung nach einem Ministeriums war in den letzten Wochen von PolitikerInnen aus unterschiedlichen Lagern zu hören. Ist das nur Wahlkampf? M.W.: Wahr ist doch, dass die Kulturagenden ein Faustpfand in den parteipolitischen Auseinandersetzungen
nach den Wahlen sein werden.
D.K.: Kunst und Kultur als Spielball bei Koalitionsverhandlungen ? M.W.: Ja. Das halte ich für ganz entscheidend.
Was ich bedaure ist, dass ich weder auf ÖVP- noch auf SPÖ-Seite über das Weißbuch hinausgehende konzeptionelle Gedanken sehen kann. So etwas wie programmatische Vorstellungen, was in den nächsten vier Jahren passieren sollte. Und insofern ist es relativ beliebig, wer das letzten Endes macht. D.K.: Wittmann sagte letzte Woche, er selbst wolle gerne Kunstminister werden. M.W.: Was soll der anderes sagen? D.K.: Er könnte das Staatssekretariat und Kunst als "Chefsache" verteidigen. M.W.: Warum sollte er das tun, wenn er persönlich aufgewertet werden könnte... D.K.: Allein durch die Wahlkampfstimmung kommt es zur Forderung nach einem Kunstministerium? M.W.: Richtig. Das ist völlig logisch. Wittmann weiß sich damit in Gesellschaft eines Teils der Künstlerschaft, die glaubt, dass mit der Installierung eines Kunstministeriums ihre eigene Position aufgewertet werden würde. Was ich für Unsinn halte, aber sie glauben es eben. D.K.: Die BefürworterInnen eines Ministeriums versuchen auch mit dem Argument, die Vereinheitlichung politischer Strukturen in den EU-Ländern voranzutreiben, zu punkten. Macht das Sinn? M.W.: Österreich hat noch überhaupt nicht realisiert, dass wichtige Kulturagenden
europäisch abgehandelt werden.
Wir haben jetzt gerade eine Phase, in der sich die Europäische Union - leider - in einer
gewissen Defensive befindet:
Bei jeder Regierungsbildung zu glauben, dass die europäische Dimension schon eine große Rolle spielt, halte ich für völlig überzogen. D.K.: Wie stehen nun die Chancen, dass es nach der Wahl am 3. Oktober ein Kunstministerium geben wird? M.W.: Eine ernstzunehmende Option ist es allemal.
Insofern glaube ich nicht, dass es zu einem solchen Kulturministerium kommen wird, weil keine Substanz dafür da ist. (20.September 1999. Daniela Koweindl) © wink.at : e-mail : wink.magazin@chickmail.com |
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