Wolfgang Zinggl,

Bundeskunstkurator

1.9.99 / 17.21 Uhr

1. Was wären Ihre wichtigsten Anliegen, für die Sie sich von der ersten Stunde an stark machen würden, bzw. was wäre Ihre allererste Amtshandlung?

Ein Staat muß handeln und Verantwortung übernehmen. Nur er kann den sozialen Ausgleich und Notwendiges jenseits von Angebot und Nachfrage garantieren.


2. Welche Rolle sollte Kunst in unserer Gesellschaft spielen? In welche Bereiche würden Sie besonders investieren, um Ihr Ziel zu erreichen?

Politische und ökonomische Entwicklungen haben Mitte der 90er Jahre eine Überprüfung des alten Selbstverständnisses von Kulturpolitik notwendig gemacht. Die Regulierung der medialen Verbreitungsmöglichkeiten beispielsweise ist heute mindestens genauso wichtig geworden wie die Finanzierung von Kunstproduktionen.

In den 70er Jahren kam es in ganz Europa zu einer deutlichen Verschiebung des Verständnisses von Kultur. Die Konservierung und Pflege von Werken und Kunsttempeln trat in den Hintergrund und wich einem sozialpolitischen Verständnis, das eher die Veränderung und die Entwicklung der Kultur propagierte. Dieses Verständnis hat die Fixierung auf traditionelle Werte und auf Kunstobjekte überwunden und einen Begriff unterstützt, der Prozesse und gesellschaftsbezogene Aktivitäten miteinbezieht. Und diesen neuen Vorstellungen entsprechend haben sich auch die Pradigmen der Kulturpolitik verschoben. Kultur wurde nicht mehr als etwas für die Gesellschaft Typisches, ihr Angeborenes akzeptiert, sondern als eine Möglichkeit zur Veränderung, die von dieser Gesellschaft selbst umschrieben, angewendet, geformt und verändert werden kann.

Aufgrund des Engagements der gemeinnützigen Kulturszene hat in den 90er Jahren der Dritte Sektor an Aktualität gewonnen. Zusätzlich zu Markt und Staat, die beide ihre Mängel aufweisen, wenn es um aktive Beteiligung der Bevölkerung an gesellschaftlichen Veränderungen geht, ist das der Bereich von Non-profit-Organisationen, von Vereinen und Initiativen. Eine vernünftige Kulturpolitik begann diesen Sektor zu unterstützen und stellte Mittel zur Verfügung, um den Menschen eine Gelegenheit zu eröffnen, als gesellschaftliche Akteure aufzutreten.

Einige Grundsätze kulturpolitischen Handelns sind trotz der geänderten Verhältnisse gleichgeblieben: Staatliches Handeln - und somit auch das kulturpolitische - ist am Gemeinwohl orientiert, in dem die Grundversorgung und der soziale Ausgleich Vorrang haben. Davon leitet sich die Vorstellung ab, vor allem für eine Kultur einzutreten, die sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt. Wesentlich bleibt auch der Anspruch auf eine adäquate Aus- und Weiterbildung zur Schulung der analytischen Auseinandersetzungsfähigkeiten mit der Kunst und ihren dynamischen Veränderungen.

Mittlerweile behauptet sich in Österreich ein breiter politischer Konsens über eine demokratische, um Pluralität und Partizipation bemühte Kulturpolitik auch in der Auseinandersetzung mit eindimensionalen Vorstellungen von "Kultur als Wirtschaftsfaktor" und einer "Festivalisierung des Kulturbetriebes". Ein Land, das allein für die Mehrung seines materiellen Wohlstandes lebt, nimmt Schaden. So hat sich die Ansicht durchgesetzt, daß gerade Kultur, wenn sie sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt, die Gemeinschaft hinausführt aus dem Denken in Kategorien wirtschaftlicher Notwendigkeit.


3. Stichwort: "Weißbuch" - wo liegen die Notwendigkeiten und Grenzen der Politik ins Kunstgeschehen bzw. dessen Rahmenbedingungen einzugreifen?

Kulturpolitik muß eine Verantwortung übernehmen, die weit über die Tagespolitik hinausgeht und sich nicht an Quoten sondern an Vielfalt und Experimentierfreudigkeit orientiert. Der Publikumszuspruch ist kein Maßstab für kulturpolitisches Handeln. Für alle Entscheidungen ist die gesellschaftliche Langzeitwirkung ausschlaggebend.
Das bedeutet, Kunst und Kultur nicht für parteipolitische Interessen zu instrumentalisieren. Kultur muß auch nicht als Agentur für nationale Identitätsbildung und Normalität verstanden werden. Eine wesentlich attraktivere Rolle wird ihr genau umgekehrt für verschiedenste Formen von Skepsis und der kritischen Überwindung des jeweils als normal Bezeichneten zugeschrieben.

Ein zentrales Anliegen jeder Kulturpolitik ist die Unterstützung und Verbreitung von Kunst. Dabei geht es nicht mehr ausschließlich um die Förderung der formalen Kunstproduktion sondern vor allem auch um die Vermittlung und das Verstehen von gesellschaftlichen Zusammenhängen rund um das Kunstgeschehen.


4. Glauben Sie, daß es eine gute Entscheidung war, von der Kunst als "Chefsache" abzukehren und ein eigenes Ministerium einzurichten? Warum?

Wer hat das gemacht? Davon weiß ich nichts.

5. Mit welcher Kunst würden Sie sich in Ihrem Büro umgeben wollen?

...









(2.9.1999 DK/sab/SL)

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