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Kritikloses Fernsehen
oder warum Journalismus und Kritik einander ausschließen.

Haide Tenner. Sie ist neu - zumindest als Kulturchefin beim ORF. Sie will verändern. Sie will alles anders machen und hat auch schon eine Idee: "Ich war ursprünglich der Meinung, daß die Produktion von Kunst und Kultur und die journalistische Beschäftigung damit nicht kompatibel seien. Inzwischen weiß ich, daß das sehr wohl geht, weil es nicht unsere Aufgabe ist zu kritisieren..." (profil, Nr.11, 15.3.99)

Schade, daß Tenner gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit auf das Recht zur freien Meinungsäußerung verzichtet. War dies doch stets Grundvoraussetzung für die Existenz einer ganzen Berufsbranche - dem Journalismus.
Nun gut, damit ist es jetzt offiziell: beim ORF wird nicht kritisiert. Daß die österreichische Medienlandschaft sich dieses Motto auf den Leib geschrieben zu haben scheint, ist traurige Realität, die auch vor den Toren des Küniglberges keinen Halt macht. Tenner beschreibt damit einen Istzustand, der die Spielregeln in ihrer journalistischen Praxis wiedergibt. Das soll auch gar nicht bestritten werden. Danke also für die Ehrlichkeit der mutigen Revoluzzerin vom ORF.
Was die gute Frau allerdings nicht bedacht hat ist, daß sie als Angestellte des Öffentlich-Rechtlichen zumindest nach außen den Eindruck erwecken sollte, ihre Aufgaben pflichtgemäß zu erfüllen. Denn die Vermittlung von "kritischen Stellungnahmen" ist sogar per Gesetz als Auftrag an den ORF festgehalten. Doch das hat Tenner wohl übersehen.

Aber ist Kritiklosigkeit tatsächlich etwas neues - oder hat sie Tenner erst jetzt für sich entdeckt? Unzählige Vorbilder sind in diversen Printmedien zu finden. In Rubriken wie "Kunstkritik" wird noch angepriesen, was gar nicht mehr existiert. Hinter dem erwartungsvollen Begriff verbirgt sich reine Informationsweitergabe ohne jede Auseinandersetzung. Kritisches Hinterfragen der Sache selbst fehlt ausnahmslos. Es folgen gerade einmal diese äußerst treffsicheren Prädikate von gut bis schlecht, von "excellent" bis "brauchbar", von "in" bis "out" - wie auch immer die Bewertungscodes definiert werden mögen. Aber das ist wenigstens gut für's Layout: Übersichtlichkeit für die schnelle Orientierung der LeserInnen. Volle Information in weniger als drei Sätzen.
So werden Premieren vorgestellt, Vernissagen präsentiert, Neuerscheinungen angekündigt. Der "meinungsbildende" Impuls offenbart sich dann oft genug schon ein paar Seiten später in der entsprechenden Werbeeinschaltung. Allein die Entscheidung, welches Event Erwähnung findet und welches ignoriert wird, ist legitimierte Zensur. Das publizierende Medium degeneriert dabei zur mundtoten Schaltstelle zwischen Kunst- und Kulturschaffenden auf der einen Seite und dem Publikum oder einer LeserInnenschaft auf der anderen Seite. Und kaum hat man sich's versehen, ist das schon gewohnter Normalzustand.

Die Medien als potentielle Kontrollinstanz politischer EntscheidungsträgerInnen nehmen sich in dieser Funktion schließlich nicht einmal mehr selber ernst. Nach außen - gegenüber den EmpfängerInnen - gilt es den Schein zu wahren. Keine Zeitung, kein Radio- oder TV-Sender würde jemals eingestehen wollen, kritiklos zu sein. Schon gar nicht in der Kunst! Man hat ja schließlich eine Meinung. Und die soll kund getan werden.
Doch auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel, wie Haide Tenner beweisen will. Nur sie war so keck (oder ehrlich ?) und diskreditierte sich und ihre gesamte KollegInnenschaft gleich in einem Aufwasch. Unter Tenner wird die Kritik nun offiziell abgeschafft. Und damit sich später niemand mehr wundern muß, wird der eingeschlichene Istzustand zum proklamierten Manifest. So mutig war noch niemand. Oder ist es doch nur Dummheit?
Gerade Tenner sitzt wohl an der denkbar falschesten Stelle, um so eine Aussage zu machen. Ob sie selbst noch draufkommt, daß sie beim staatlichen Fernsehen einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat, der über Informationsweitergabe im Frontalunterricht hinausgeht?

(26. April 1999. Daniela Koweindl)

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