Ausschnitt aus einem Interview von Sven Gächter mit der Kulturchefin des ORF Dr. Haide Tenner.
Profil No. 11, vom 15. März 1999, S 136f.
"Ich mag keine Adabei-Kultur"
Fernsehen. Die neue ORF-Kulturchefin Haide Tenner über Kunst und deren Abgrenzung gegen Boulevard und Lifestyle; den alten und den neuen "Treffpunkt Kultur".
profil: Sie sind seit knapp zwei Monaten Chefin der ORF-Kultur. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?
Tenner: Ich war ursprünglich der Meinung, daß die Produktion von Kunst und Kultur und die journalistische Beschäftigung damit nicht kompatibel seien. Inzwischen weiß ich, daß das sehr wohl geht, weil es nicht unsere Aufgabe ist, zu kritisieren.
profil: Bedauern Sie manchmal, nicht kritisieren zu dürfen?
Tenner: Ich wäre ein ganz schlechter Kritiker, weil ich unendlich leide, wenn einer das hohe C schmeißt.
profil: Das suggeriert, daß der geborene Kritiker sich darüber freut.
Tenner: Es hat sich in der Kritik eingebürgert, die Sensation zu suchen. Die gesamte Kunst- und Kulturberichterstattung hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Das liegt an der Boulevardisierung der Kunst und sicher auch an ihrer Demokratisierung.
profil: Wozu das Fernsehen allerdings entscheidend beigetragen hat.
Tenner: Ich mag diese Adabei-Kultur nicht, ich bin auch dagegen dem Mainstream nachzulaufen und Kunst und Kultur zu Tode zu personalisieren. Ich bin davon überzeugt, daß es eine Kunst für alle nicht gibt, und ich habe auch keine Angst vor dem Wort Elite.
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