Eyes Wide Shut
1999 ist ein Filmjahr der großen Ankündigungen. Nachdem nun endlich jeder Star Wars Episode I gesehen hat, weil man einfach ins Kino gezwungen wurde, schleicht der nächste aber subtilere "Höhepunkt" des heurigen Kinosommers in die Lichtspielhäuser. Von der Marketingmaschinerie zwar nicht so stark gepusht, dafür aber bei Filmliebhabern umso mehr herbeigesehnt. Nicht nur, weil schon längst ein neuer Film von Kubrick fällig war (sein letzter davor war 1987 "Full Metal Jacket"), sondern auch wegen der Geheimniskrämerei rund um die Dreharbeiten und die daraus resultierenden Gerüchte. Auch der plötzliche Tod von Kubrick kurz nach der Schnittabnahme warf noch mehr Licht auf diesen Film.
Die Handlung ist nicht leicht wiederzugeben ohne zu viel zu verraten, mißzuverstehen oder den Lesern dieser Zeilen irgendwelche Gedanken aufzuzwingen. Der ganze Film basiert auf Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", spielt aber im New York der 90er.
Tom Cruise und Nicole Kidman spielen ein Ehepaar der oberen Middle-Class bzw. unteren Upper-Class. Er ist erfolgreicher Arzt und sie seine Frau. Sie haben alles was sie wollen: eine Tochter, Geld, Freunde, sind gesellschaftlich angesehen, lieben sich und sind sich treu - was ihre Taten anbelangt. Wie treu sie sich aber in ihrer Phantasie sind und was Treue überhaupt ist, versucht Kubrick aufzuarbeiten.
Dr. William Harford (Tom Cruise) gerät nach einem Gespräch über die eheliche Treue mit seiner Frau Alice (Nicole Kidman) in Streit und danach in eine erotische Odyssee durch das nächtliche, vorweihnachtliche New York. Er stolpert von einer Versuchung seine Frau zu betrügen in die nächste. Auch Alice macht eine erotische Odyssee durch, aber nur im Traum. (dafür das Nicole Kidman die zweite Hauptrolle spielt ist sie aber im Verhältnis zu Tom Cruise sehr selten im Bild).
Das interessante ist, seine Abenteuer werden gezeigt, ihre werden aber nur erzählt.
Als er sich dann bei einer bizarr-erotischen Geheimgesellschaft einschleicht scheint er in wirkliche Gefahr zu geraten....
Gerade in der elendig langen Darstellung dieser Geheimgesellschaft und deren eigenartigen Riten, wird man das Gefühl nicht los, Kubrick hätte seinen Altherren-Phantasien freien Lauf gelassen.
Der über zweieinhalb Stunden dauernde Film ist sehr langsam erzählt. Manchmal scheinen die Einstellungen ewig zu dauern. Obwohl bewußt ein langsamer Film, hätte ein klitzekleines Mehr an Tempo nicht geschadet.
Kidman und Cruise spielen ihre Rollen brav wie Kubrick es wollte, aber ohne wirkliche herausstechenden Höhepunkte - einfach normal.
Wir in Europa haben das Privileg die pikantere Fassung, was Haut und Brüste anbelangt, zu sehen, wobei es jeden durchschnittlichen Europäer gar nicht auffallen dürfte, weil wir sind das ja gewohnt - und das ist gut so.
Zum Abschluß noch der Versuch die Aussage des Films in eine Metapher zu verkleiden: "Wenn man auf Diät ist, darf man zwar in die Speisekarte schauen, vielleicht auch kosten, aber nichts bestellen!"
(Roland Rainer / September 1999)
Filmdaten:
Eyes Wide Shut
GB/USA-1999
Laufzeit: 155 Minuten
Regie: Stanley Kubrick
Buch: Stanley Kubrick und Frederic Raphael
(nach Motiven aus "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler)
Produktion: Stanley Kubrick
Kamera: Larry Smith
Musik: Chris Isaak, Joceline Pook, Shostakovich, Ligeti, Liszt, Mozart u.a.
Darsteller:
Tom Cruise
Nicole Kidman
Sidney Pollack
Marie Richardson
Thomas Gibson, u.a.
Verleih (Ö): Warner Bros.
Österreichstart: 10. 9. 1999
Off. Website: www.eyeswideshut.com
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