Der Wille zur Macht
The Phantom Menace erlaubt einige bedenkliche Rückschlüsse auf die wahren Strömungen der Macht
Die Macht
Romantiker bitte nicht weiterlesen! Der Mythos vom magischen Ursprung der Force wird in Episode Eins leider erbarmungslos dekonstruiert. In der (gen-)technischen Erklärung, die uns im Film aufgedrängt wird, entpuppt sich die Macht lediglich als Symbiose zwischen einigen Auserwählten (den Jedi Rittern) und mikroskopischen Lebensform in der Jedi-Erbmasse. Die Anzahl dieser Parasiten im Jedi-Blut kann man sogar messen, und somit die Qualität jedes Helden auf den Prozentpunkt genau festlegen.
Wen wundert´s, daß im ungen Darth Vader eine bisher ungeahnte Macht-Promille festgestellt wird, Anakins Mama die Existenz eines Vater geheimnisvoll verschweigt und folglich sogar laut über eine unbefleckte Empfängnis spekultiert wird?
Hier wird schamlos ein neuer, ur-alter Mythos zitiert: Bloß hatte das Jesus-Kindlein in der Krippe wahrscheinlich nicht so einen amerikanischen Slang wir der niedliche Anakin Skywalker.
Die Freiheit
Dieses symbiotische Zusammenleben hat für die Jedis einen nicht unbedeutenden Vorteil: sie bekommen von den Blutkörperchen praktischerweise die Zukunft eingeflüstert (= use the force!). Diese Erleuchtung entpuppt sich für die Rettung der Galaxis als äußerst praktisch, für die Plausibilität der Handlung als bitter nötig, für die persönliche Happiness der Jedi-Ritter jedoch als Riesennachteil. Glauben sie wirklich an die Eingebungen ihrer Innereien, so können sie sich von ihrem eigenen Willen bei Dienstantritt als Jedi verabschieden.
Die persönliche Freiheit wird gegen einen fatalistischen Glauben in die eigene Determiniertheit eingetauscht. Die Macht befiehlt, was in Zukunft zu geschehen hat.
Und ein wahrer Jedi-Ritter folgt seinen vagen Ahnungen, selbst wenn sie zu einem völlig sinnlosen Tod im Schwertkampf führen sollten.
Die Angst
Um einem kritischen Hinterfragen der diktatorischen Prophetengabe der Force-Bazillen vorzubeugen, tritt als deren Gegenspieler immerhin Luzifer höchstselbst auf.
Darth Maul, der sich als letzter Bösewichter einer force-gläubigen Galaxis gegenüberstellt, erinnert dank Krampus-Hörnchen und bitterbösem Bodypainting tatsächlich an den leibhaftigen Antichrist.
Angst darf man da keine haben, doziert Schrumpel-Jedi Yoda mit erhobenem Zeigefinger. Dann könnte man glatt seine eigene Force-Hörigkeit überdenken, und "zur dunklen Seite der Macht" überlaufen.
Um solche Denkprozesse auch bei den Zusehern zu vermeiden, werden die moralischen Imperative der Jedis bewußt verschleiert. Man erfährt lediglich im Vorspann, daß die Jediritter im Universum für Recht und Ordnung sorgen - wie jedes machthungrige Regime.
Die Politik
Die befehlsfreudige Königin der Naboo, deren Adel angeblich durch Volkswahl legitimiert ist, steht für ein interessantes Demokratiemodell. Daß dort das Volk regiert, wird ausdrücklich betont, um Verwechslungen mit irdischen Staatsformen vorzubeugen.
Kontraproduktiv wirkt hingegen das Outfit eines der königlichen Begleiter:
mit Ledermantel und strammer Kappe sieht er aus, als käme er direkt von der Gestapo. Nur seine schwarze Hautfarbe verhindert in politisch korrekten Zusehern die Vermutung, es könnte sich um einen Bösewicht handeln.
Ähnlich ist auch die rassistische Gewichtung im Kreise der Jedi-Ritter. Hier sind zwar alle Formen humanoider Rassen (und wieder ein Schwarzer) zugelassen, aber keine einzige Frau.
Die Moral
Ansonsten sind die Jedi äußerste Gutmenschen. Schließlich agieren anstelle der menschlichen Sturmtruppen jetzt humanoide Kampfroboter, die man ruhigen Gewissens massenweise abschlachten darf. Immerhin kämpft man gegen die "Federation" (Star Trek-Fans heulen bei jeder Namensnennung auf!). Allerdings verbergen sich hinter diesem Namen gierige Händler, die hinterrücks ohnehin mit der dunklen, Seite der Macht verbandelt sind. Ähnlich dürfte es übrigens bald dem "Senat" ergehen, einer Art galaktischem Parlament, deren neuer Vorsitzender den stolzen Namen Palpatine trägt. Und so heißt bekanntlich der böse Imperator in "Die Rückkehr der Jedi-Ritter".
Das Marketing
Die Macht ist übrigens auch unter aus. Auf Erden werden ihre Einflüsterungen von den Massenmedien übernommen und manifestieren sich schließlich in einem einflußreichen Phänomen namens "öffentliche Meinung".
Der eigentliche Daseinsgrund dieser "Force" ist übrigens reine Selbsterhaltung. Sprich: sich solange wichtig zu machen, bis man wirklich wichtig geworden ist.
Für das unverzichtbare Gesprächsthema Star Wars bedeutet das nur eines: noch mehr Menschen ins Kino und dann an den Stammtisch zu locken.
Um sich dieser Macht auf Erden zu bedienen, bedarf es nicht einmal irgendwelcher Jedi-Ritter, sondern lediglich einer ausgefeilten Marketing-Strategie!
Auch Deine Gedanken könnten die öffentliche Meinung beeinflussen!
(7. Juni.1999. eSeL)
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