Thomas Vinterberg,
1997 (bild pd)

«Wir haben einen Stein ins Wasser geworfen . . .»

Im Gespräch mit Thomas Vinterberg hat Marcus Rothe den dänischen Regisseur im letzten Frühjahr in Cannes über seinen Film «Das Fest» befragt, über das «Dogma» und seine Widersprüche, über Lars von Trier, Hippies, Wahrheit und die dänische «Gemütlichkeit».

Sie haben sich zusammen mit Lars von Trier einem filmischen «Dogma» verpflichtet. War ein Neuanfang nötig?

Das dänische Kino verändert sich, weil eine neue Generation von Filmemachern aufgetaucht ist. Obwohl wir uns an die Tradition des dänischen Kinos und unsere «Paten» erinnern, setzt das junge dänische Kino grosse Energien frei. Bille August hat Dänemark zwar verlassen, aber ich zähle ihn nicht zur «Neuen Welle».
Dagegen haben mich unbekannte dänische Regisseure beeinflusst, die man zu Unrecht vergessen hat.

Wie haben die Regeln des «Dogmas» Ihre Arbeit an «Festen» beeinflusst?

Der Film wäre ohne das «Dogma» nicht entstanden. Was wir «Keuschheitsgelübde» nannten, hat die ganze Entstehungsphase des Films inspiriert. Die Grundidee kam uns erst, als wir die Regeln aufstellten. Aber als Lars (von Trier) und ich dieses «Gelübde» in einer halben Stunde schrieben, brachen wir auf in ein Abenteuer - ohne eine einzige konkrete Filmidee zu haben.

Haben Sie eng mit Lars von Trier zusammengearbeitet?

Wir haben viel diskutiert und darauf geachtet, dass der andere die Regeln respektiert. Trotzdem haben wir stellenweise «gesündigt». Wir wollten vor allem einer bestimmten Ethik treu bleiben.

Spielen da auch religiöse Gefühle mit?

Bei Lars schon. Er läuft mit katholischen Ideen rum. Ich bin Hippie.

Befreiende Wirkung

Ist das «Dogma» durch den Erfolg des wilden Stils von «Breaking the Waves» entstanden?

Ursprünglich war das «Dogma» Lars' Idee, aber er hat nur eine weltweite Strömung aufgenommen: In einer Serie wie «New York Police Department / NYPD» bewegt sich die Kamera ständig, um den Film «realer» wirken zu lassen, selbst wenn alles inszeniert ist. Lars ist hellseherisch . . . also ist das Dogma vom Himmel gefallen! «Politisch» gesehen ist das heutige Kino sehr konventionell: Wenn man ein weinendes Gesicht auf der Leinwand sieht, setzen unweigerlich die Streicher ein. Die Schauspieler tragen Unmengen von Make-up und bewegen sich im Kunstlicht. Ich wollte mich von diesen Konventionen befreien, die uns besonders in Dänemark so träge machen. Beim Filmemachen sollte man Risiken eingehen, aber wenn neunzig Prozent der Arbeit in Ritualen erstickt, bleibt kein Raum mehr für die Inszenierung. Man wird klaustrophobisch. Die Regeln des «Dogmas» haben befreiend gewirkt: Jede Beschränkung sah ich als künstlerische Herausforderung.

Ihre Schauspieler scheinen unter Strom zu stehen. Hat das «Dogma» auch Ihr Casting beeinflusst?

Ja, denn sie sind die Crème der jungen dänischen Schauspielergeneration. Das «Dogma» liess ihnen so viele Freiheiten, dass sie regelrecht verunsichert waren. Daher musste ich den Rahmen enger stecken. Beim Entwurf des «Dogmas» hätten wir nicht nur Regeln für die Regie, sondern auch für die Schauspieler festlegen sollen. Denn wenn alles erlaubt ist, geschieht gar nichts. Also musste ich ihnen mehr Anweisungen geben als ursprünglich geplant. Sie fühlten sich geschmeichelt, bei diesem Abenteuer ständig gefilmt zu werden, da wir schnell, ohne künstliches Licht, arbeiteten. Das war für sie stimulierender, als jeweils zwei Stunden zu warten, um eine Zehn- Sekunden-Einstellung zu drehen.

Sie haben erklärt, man müsse die Realität dazu «zwingen», sich zu zeigen. Wie geht das?

Leider musste ich mich in unserem Manifest dazu verpflichten, keinen persönlichen Stil zu entwickeln. Aber wie soll man da die Schauspieler auswählen und führen, ein Drehbuch schreiben oder die Kameraeinstellungen wählen? Ich kämpfte mit der Frage, ob ich mich ins Spiel einmischen konnte oder eine Art neutraler Beobachter bleiben sollte. Ein schwieriger Balanceakt, bei dem man nicht auf seine Vorlieben verzichten kann. Wenn man die Wahrhaftigkeit sucht und die Schauspieler dabei «machen lässt», führt das nicht weit. Eine Geschichte entwickelt sich nur aus einer Situation heraus. Sie fällt nicht vom Himmel.

Warum ist «Festen» jetzt doch noch ein typischer Autorenfilm geworden?

Die Gefahr ist, dass der eigene Geschmack den Rest erstickt und der Pinselstrich zu dick ist. «Festen» ist eher ein «nackter» Film. Trotz dem «Dogma» ist der Film sehr persönlich geworden. Tut mir leid! (lacht) Aber zur Beruhigung: Meine Familie ist anders als im Film.

Sollte die Revolution im Innern der Familie ein Symbol für die Gesellschaft sein?

Sicher steckt darin Gesellschaftskritik. Aber weil die Geschichte des Films so klassisch ist, kann sie als Metapher für die verschiedensten Dinge dienen: Das sind meine schwarzen Gedanken. Ein Thema des Films ist, alles Fremde zu unterdrücken und fernzuhalten. Auch die Hauptfigur taucht mit etwas Befremdlichem auf dem Fest auf: der Wahrheit. Sie ist bedrohlich für die Familie. Sie könnte dadurch zerfallen.

Der Wertezerfall und die Rituale der Familie erinnern aber eher an die Tradition des 19. Jahrhunderts und beispielsweise die Filme Luchino Viscontis als ans moderne Dänemark.

Weil die Geschichte vom Krieg zwischen Vater und Sohn so klassisch ist, gibt es dabei auch Anspielungen auf die Vergangenheit. Sie sollte einen Kontrast zur modernen Idee des «Dogmas» bilden. Dieses Paradox gab es schon bei «Breaking the Waves». Trotzdem ist die Traditionspflege nicht typisch dänisch.

Dänische Mentalitäten

Und was ist mit der sprichwörtlichen dänischen «Gemütlichkeit»?

Sie ist Teil der dänischen Mentalität. Wenn in meinem Film etwas Schreckliches passiert und das Böse endlich ans Licht kommt, ist die einzige Reaktion der Leute: «Lasst uns Kaffee trinken!» Das ist zynisch. Die «Gemütlichkeit» dient oft dazu, soziale Explosionen zu verhindern oder die Wahrheit zu unterdrücken. Selbst der Sohn in «Festen» benutzt die Mittel der Gemütlichkeit: Wenn der Vater schliesslich von der Familie ausgeschlossen wird, frühstücken die anderen lächelnd weiter. So bringen sie ihn endgültig um.

Soll diese Familie die dänischen Bourgeoisie verkörpern?

Ich bin in einer Kommune zwischen nackten Hippies aufgewachsen. Daher kenne ich die Bourgeoisie kaum. Trotzdem spiegelt die Familie von «Festen» meine Eindrücke von Dänemark. Aber ich habe vorher keine ausgiebigen Recherchen getrieben.

Sind Sie durch Ihr eigenes Milieu auf das Thema der Verlogenheit gekommen?

Die Verlogenheit gehört zur dänischen Gesellschaft. Als Knirps bin ich in den verschiedensten Familien unserer Kommune gross geworden. Ich habe viel beobachtet und diese Geschichte dann im kranken Teil meines Hirns ausgebrütet. Schwer zu sagen, warum. Den Film hätte ich nicht unter Hippies drehen können, da sie alle Regeln ablehnten. Was wiederum zu einer Regel wird. Dieses schwammige Milieu ist schwer zu fassen.

Kann die im «Dogma» gewünschte neue «Unschuld» des Filmemachens nicht genauso zur Konvention werden wie einst die Unkonventionalität der Hippies?

Tja, das ist der ewige Konflikt. Soll ich beim nächsten Mal wieder einen «Dogma»-Film drehen? Jeder (Avantgarde-)Bewegung kann die Luft ausgehen, aber bisher wurden erst zwei Filme im Sinne des «Dogmas» gedreht. Wir haben einen Stein ins Wasser geworfen, mehr nicht. Wenn daraus eine Welle werden sollte, dann können wir beim nächsten Mal von Konvention sprechen.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, Feuilleton. Samstag, 1. Mai 1999

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Dogma 95
Interview mit Thomas Vinterberg aus der NZZ