Idioten
Es ist schon schwer einen Film zu beschreiben, der Spaß macht und zugleich traurig macht, erregt und abstößt.
In IDIOTEN verbringen ein paar „normale“ Idioten ihre Zeit damit, sich als geistig Behinderte auszugeben. Sie testen ihre eigenen Grenzen und die ihrer Umgebung. Sie sabbern, lallen und zappeln, sie lassen ihre „inneren“ Idioten frei.
Karen lernt Stoffer und Henrik in einem feinen Restaurant kennen, wo die beiden, zum Leid des Kellners und der anderen Gäste, mit ihrer „Pflegerin“ Geburtstag feiern. Als Stoffer Karens Hand nicht mehr losläßt und sie schließlich mit ihm ins Taxi steigen muß, erkennt sie, daß sie gar keine Behinderten vor sich hat.
Karen schließt sich der Truppe an, die kommunen-like in einem leerstehenden Haus in einer dänischen Kleinstadt leben. Am Ende ist Sie die einzige, der es viel gebracht zu haben scheint, ihren Idioten freizulassen.
IDIOTEN ist, nach Thomas Vinterbergs „Das Fest“ der zweite Film der „Dogma“-Reihe, deren Unterzeichner sich unter anderem dazu verpflichtet haben, ihre (Dogma-)Filme nur an Originalschauplätzen, ohne künstliches Licht, ohne Requisiten, ohne Stativ zu drehen.
Doch während das Fest dicht in sich geschlossen aufgebaut ist, kommt der Stil der „Dogma“-Filme bei „Idioten“ viel stärker zur Geltung (auch Kameramänner sind im Bild). Der Zuseher fühlt sich ständig als ein stiller Beobachter innerhalb der Gruppe. Jede Szene vermittelt schauspielerische Spontaneität, so wie die Aktionen der „Idioten“ unberechenbar sind. Auch das Verhalten ihrer Darsteller wirkt improvisiert und „aus dem Bauch“, man vergißt, daß sie hier eigentlich nur „spielen“. Es ist wie im Theater eine Einzigartigkeit vorhanden.
Alle Mitglieder der Gruppe kommen aus der Oberschicht (ein Arzt, ein Werbedesigner) und sie können nicht beschreiben warum sie es tun. Stoffer, der stärkste (sprich lauteste) Trottel, scheint die „Normalen“ provozieren zu wollen, bis sie nach der „Endlösung“ schreien. Ein Verhalten das in einer Szene als der Ortsfaschist die Idioten besucht gipfelt. Als der Film fast schon harmonisch, ein Treffen „echter“ Behinderter mit den Idioten zeigt, ist Stoffer der einzige, den das aus der Fassung bringt. Zu weit scheint ihr Spiel an diesem Punkt für ihn gegangen zu sein.
Lars von Trier gelingt es zu erheitern, zu provozieren und zu verstören. Der Zuseher bekommt die Gelegenheit, Mitgefühl für jede Figur zu entwickeln und die Grenzen der persönlichen Tabus auszutesten. IDIOTEN hinterfrägt auch entzückende Weise den Umgang mit Behinderten und rechtfertigt in seiner Naivität das Abnorme. Der Film durchläuft nahtlos Komik, Groteske und Ekel. Allerdings ist er in seiner Länge etwas anstrengend, es hätte daher auch nicht geschadet, ihn ein wenig zu kürzen. Bestimmt keine leicht Kost.
(26. April 1999. Patrick Winkler)
Filmdaten:
IDIOTERNE - IDIOTEN
Dänemark 1998, 117 min, Farbe, 35 mm, 1:1,37
Regie, Drehbuch & Kamera: Lars von Trier
Redieassistenz & Kamera: Kristoffer Nyholm, Jesper Jargil, Casper Holm
Schnitt: Molly Stensgaard
Ton: Per Streit
Produzentin: Marianne Slot
Produktion: Zentropa Entertainments
Besetzung:
Karen: Bodil Jorgensen
Stoffer: Jens Albinus
Susanne: Anne Louise Hassing
Henrik: Troels Lyby
Jeppe: Nikolaj Lie Kaas
Ped: Henrik Prip
Miguel: Luis Mesenero
Josephine: Louise Mieritz
Axel: Knud Romer Jorgensen
Nana: Trine Michelsen
Katrine: Anne-Grethe Bjarup Riis
Vornehme Dame: Parika Steen
Verleih in Österreich: Polyfilm
Österreichische Erstaufführung: Viennale 1998
Österreich Start: 7.Mai 1999, Filmcasino Wien
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