Cartoon: Clemens Kindermann




Baba, Peymann!

Claus Peymann und Wien - eine Liaison, die niemals einfach war, manchmal verkrampft und allzuoft halt schmerzhaft ehrlich. Das Ende war absehbar. Und wurde ordentlich gefeiert.

Letzten Mittwoch war das also, als auch die, denen das Theater ansonsten nicht so sehr wirklich was bedeutet, in den Volksgarten pilgerten, um dem, der das ordentliche Wien über ein Jahrzehnt künstlerisch, aber auch boulevardesk-provokativ schockierte, einen würdigen, feierlichen, durch und durch dem Anlasse entsprechenden Abgang zu ermöglichen. Daß dabei das gesamte Programm vom zu Feiernden selbst durchdacht wurde, is' eigentlich wuascht, und daß der Schreiber dieser Zeilen vom versprochenen Freibier vor allem angelockt wurde und dabei bitter enttäuscht von dannen geschlichen ist, auch. Jedem Menschen Recht getan...

Es war in jedem Fall ein rauschendes Fest, das dargeboten wurde, so manche Stimme raunte im Verborgenen, daß die Ideenkraft, die den letzten Inszenierungen Peymannscher Herkunft fehlte, wohl in die Feierlichkeiten des Abschiednehmens investiert wurde. Gleichzeitig bewies der theatermachende Preuße ein letztes Mal, daß er in der Zeit seiner Regentschaft wahrhaftig zum echten Wiener mutierte, und was kann der besser, als aus ehrlichem Herzen "Baba" zu sagen. (Kommunikationstechnische Rüpelhaftigkeiten während des Autofahrens wollen hier nicht erwähnt werden, gehören aber zweifelsohne auch zum Repertoire des gemütlichen Großstädters.)

Offizieller Beginn der Feierlichkeiten war 14 Uhr, da öffnete die Burgtheaterkantine. Um 15.45 dann "Der Teatermacher", bzw. dessen 125. Vorstellung an der Burg. Anschließend lud der scheidende Direktor mit seinem Dramturgen Beil auf ein Glas Sekt ein (eigenhändig verteilt!). Das alles wird immer wieder unterbrochen vom exzessiven Verkaufen und Signieren der "Weltkomödie Österreich, Band I bis III".

Um 21.15h der Höhepunkt: Die unwiderruflich letzte Vorstellung unter Peymann: "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen". Liveübertragung davon auf dem Josef-Meinrad-Platz.
Was sonst noch war: Der Seppi Grünberger mit der steirischen Knopfharmonika im Volksgarten. Ein "kurzes, aber gefühlvolles Spektakel" mit Martin Schwab als Peymann auf dem Dach der Burg. Feuerwerk. Charly Ratzer. "Schöne Stimmen und Holde Kunst" in der anderen Burg und "an einem sonst stillen Örtchen."
Roland Neuwirth mit seinen Extremschrammeln war auch da und gab dem scheidenden Direktor als letzten Gruß das Lied "Jeder Ratz braucht sein Kanäu" mit auf die Reise. Und leider, leider, wie schon angedeutet, Freibier, das warm war und schäumte und für das keine Becher mehr zur Verfügung standen.

So sieht das aus, wenn einen norddeutschen Protestanten katholische Feierstimmung überkommt. Eigentlich wars sehr schön, es hat uns sehr gefallen. Rückblicke aussparend, die ohnehin schon von vielen anderen, kompetenteren Seiten getätigt worden sind, bleibt nunmehr nur noch die Frage, wie es weitergehen wird.

Ohne bedeutungsvoll Tierinnereien zu beobachten oder den Kaffesud nach seiner Konsistenz analysieren zu wollen, steht wohl zu befürchten, daß die offizielle Theaterstadt Wien erlebnisärmer wird. Was nicht so sehr daran liegt, daß die Qualität der Aufführungen schlechter sein wird, vielmehr läßt die Person eines streitsüchtigen, missionsbewußten, intellektuell-arroganten und, nicht zu vergessen, schon sehr guten Theaterdirektors wahrscheinlich eine Lücke offen, die nicht gefüllt werden kann von einer neuen Ära, die unter dem Deckmantel einer Rückbesinnung des Theaters auf das Theater mit stärkerem Österreichbezug (Bernhard, Jelinek, Turrini, Handke - sind das keine Österreicher? Ganz zu schweigen von den vielen Nestroys und Grillparzers, die ohnehin auch unter Peymann gegeben worden sind.), eine Ära also, die vermutlich vorrangig eines will: ihre Ruh'.

Das muß nicht schlecht sein. Eine Bühne, die sich aufs Schauspiel konzentriert und ein neuer Regent, der sich aufs Verwalten beschränkt, sind durchaus in der Lage, das Burgtheater aus der Schußlinie so mancher unqualifizierter Kritik zu bringen. Was soll das aber bringen? Die Subventionen werden dadurch nicht mehr, so mancher Feuilletonchef so mancher Qualitätszeitung wird durch überschwengliche Lobeshymnen versuchen, seine innere Fadesse ob des Fehlens einer Reibefläche vergessen zu machen und die Josefstadt wird plötzlich zum größten Avantgardespielplatz des Landes.
Die einzigen, die wirklich zufrieden sein können, sind die politisch Verantwortlichen, die sich nicht mehr vorm Kleinformat rechtfertigen müssen und die, die in den letzten Jahren das Burgtheater ohnehin nur mit Holzfällereien, künstlerischen Ausrutschern im Stile eines Mühl oder propagandistischen Gegenreaktionen propagandistischer Aussagen eines sehr innerlichen Autors von Weltrang in Zusammenhang brachten.

Es wird sehr still werden um dieses Haus. Die Kunst wird sich zurückziehen auf jene zwei, drei Seiten, die ihr täglich zugestanden werden in den Printmedien dieses Landes.
Vielleicht kommt alles aber ganz anders. Zu wünschen wär's uns. Weil zufrieden können wir eh selbst sein. Und sind es allzuoft auch. Da tat ein kleiner Affront ab und zu gar nicht schlecht...



(08. Juli 1999. Joe Zankl)

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