Sammlung Rothschild
Rekordauktion und Rothschild-Mythos
Der plötzliche Gesinnungswandel der Erben, den Großteil - über 90% - der soeben erst zurückerstatteten
Familiensammlung nun doch versteigern zu lassen, wurde verschieden argumentiert:
Aufgrund der drastischen Kriegsverluste sei der Lebensstil der österreichischen Rothschilds bei weitem
nicht mehr so mondän wie einst, und wie ihn die französischen und britischen Dynastiemitglieder z.T.
noch heute pflegen.
Mit dem Generationenwechsel lockerten sich auch die persönlichen Beziehungen der Nachkommen gegenüber
den von ihrer Familie gesammelten Stücken. Die mit Kunstwerken angefüllten Salons ihres Großvaters und
Großonkels sind in der Erinnerung Bettina Loorams noch präsent, die Kinder wurden allerdings von den
Schöpfungen der hohen Künste zumeist ferngehalten.
Wenn auch nicht offiziell einbekannt, dürfte auch der zu erwartende materielle Gewinn die Erben zu
ihrer Entscheidung bewogen haben. Diesbezügliche Kritik kam vom Präsidenten des österreichischen Bundesverbandes
der Israelitischen Kultusgemeinden, Ariel Muzicant.
Er sieht seine gängige Argumentation bei Restitutionsforderungen untergraben: "Vielen Opfern geht es
nicht um's Geld, vielen Opfern geht es nur um's Recht."
Rekordsummen!
Die Fakten von Schätz- und Kaufpreisen der auktionierten Lose sprechen für sich.
In der Tat handelte es sich fast durchgängig um hochqualitative Objekte, die in einem breitgefächerten
Repertoire an Bildern, Möbeln, Porzellan, Teppichen, Uhren, Handschriften, Waffen, Musik- und wissenschaftlichen
Instrumenten einem handverlesenen Käuferkreis feilgeboten wurden.
Das Meistbot innerhalb der 23 Weltrekorde brachte das sogenannte "Rothschild-Gebetbuch", das
als Topseller für 180,4 Millionen Schilling unter den Hammer kam.
Die bisher in der Nationalbibliothek verwahrte flämische Buchmalerei brach mit diesem Maximalwert
für eine illuminierte Handschrift den bisher vom "Evangeliar Heinrich des Löwen" gehaltenen Rekord.
Das Prunkstück der Auktion, das "Porträt des Tieleman Roosterman" von Franz Hals, bis dato eines
der Glanzstücke in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums wechselte den Besitzer für 174 Millionen Schilling .
An dritter Stelle rangiert eine Kommode aus der Bibliothek von König Ludwig XVI., welche mit
148 Millionen Schilling das knapp Dreifache des oberen Schätzwertes erzielte - und somit als das teuerste
französische Möbel in die Annalen des Auktionswesens eingehen wird.
Weitere Rekordbote konnten folgende Lose verbuchen:
David Teniers Gemälde "Erzherzog Leopold Wilhelm in seiner Galerie in Brüssel" zu 62,5 Millionen Schilling,
das "Cornaro-Missale", ein illuminiertes italienisches Manuskript, zu 60,2 Millionen Schilling,
ein persischer Teppich des 16. Jahrhunderts zu 33, 6 Millionen Schilling,
Jan Wynants "Waldlandschaft mit Jägern" zu 48,6 Millionen Schilling,
eine astronomische Uhr von Ludwig XVI. zu 40,5 Millionen Schilling,
eine Chinoiserie-Kommode von Ludwig XV. zu 30,1 Millionen Schilling
sowie eine spanische Goldmünze zu 4,66 Millionen Schilling.
Fünf Meistbote aus Österreich erhielten den Zuschlag in einem Gesamtwert von rund zwei Millionen Schilling,
darunter eine süddeutsche Spiegeluhr des 16. Jahrhunderts.
Nationalstiftung für Ankäufe?
Die österreichischen Museen hingegen - sofern sie überhaupt mitbieten wollten wie die Österreichische Galerie -
gingen mit leeren Händen nach Hause.
Angesichts der finanziellen Situation bemühte sich der Bund erst gar nicht um Rückkäufe der Spitzenstücke.
Ministerin Elisabeth Gehrer regte in diesem Zusammenhang die Schaffung einer von Kulturressort und Kunstsektion
finanzierten "Nationalstiftung" an. Mit dieser könne der Staat Ankäufe tätigen, Werke und Nachlässe zeitgenössischer
Künstler erwerben und die Bestände im In- und Ausland präsentieren.
Nationalratspräsident Heinz Fischer sieht darin nicht nur für öffentliche Stellen, sondern auch für
Private eine Möglichkeit, die "Erhaltung des österreichischen Kulturerbes" neben der zeitgenössischen
Kunstentwicklung zu unterstützen.
"Rothschild". Siegel für sichere Anlage?
Die vorwiegend europäischen Käufer - auch Vertreter der französischen und britischen Rothschild-Linien
boten mit - waren keineswegs an der Jagd nach verhältnismäßig günstig ausgepreisten Schnäppchen interessiert,
vielmehr an exklusivsten Pretiosen, deren Preise auf magische Weise in die Höhe schnellten.
Christie's hatte die tatsächliche Qualität der Zimelien weit unterschätzt - offenbar weil man die
Objekte mit dem überladenen, kitschig anmutenden Einrichtungsstil des 19. Jahrhunderts, dem sogenannten
"goût Rothschild", assoziierte. Die psychologische Taktik, mit niedrig angesetzten Preisen die Käufer
zu Meistboten zu animieren, dürfte laut Auskunft von Michaela Strebl vom Wiener Dorotheum und dem Direktor
der Wiener Kunstauktionen, Otto Hans Ressler, neben dem Stigma der "Museumswürdigkeit",
der "interessanten Provenienz" und nicht zuletzt der Familiengeschichte zu der überraschenden
Preisexplosion geführt haben.
Der mit dem Namen Rothschild verknüpfte Sensationserfolg hatte sich bereits wenige Monate zuvor abgezeichnet.
Die beinahe ein Jahrhundert lang vor der Öffentlichkeit verborgene und schon deswegen in
ein mystisches Dunkel getauchte Sammlung an Gold- und Silberschmiedarbeiten des Barons und Bankiers
Meyer de Rothschild (1818-1874) wurde am 12. Februar dieses Jahres bei Sotheby's in London um das
Rekordergebnis von insgesamt 80,9 Millionen Schilling abgesetzt.
Die Odysee der Sammlung
Apropos Mythos des Rothschild-Clan:
Reichtum, Ruhm und Macht haften nach wie vor dem Namen einer der mächtigsten Dynastien des Geldadels an,
welche vor über 250 Jahren von Frankfurt aus die weltweit größte Privatbank mit Niederlassungen in London, Neapel, Wien und
Paris gründete. Geschäftssinn und Mäzenatentum wurden seit jeher von den Rothschilds auf virtuose Weise gepflegt.
Ihr dynastisches Selbstverständnis, kosmopolitischer Lebensstil und ihre Sammeltätigkeit wurden vom
französischen Geschmack geprägt. Das Interesse richtete sich auf Objekte höchster Qualität und Authentizität.
Mit der Französischen Revolution und dem Ende des Ancien Régime fanden Möbel von Louis XV. und Louis XVI.
in die Privatsammlungen Eingang.
Die im 19. Jahrhundert erworbenen Objekte dokumentieren das eklektische Interesse an kunstgewerblichen
Gegenständen diverser Kulturkreise: Tabakdosen, Kelche, Besteck, Haarbürsten, Teppiche oder eine islamische
Moscheelampe finden sich neben den französischen Möbeln, kaiserlichen Rüstungen und königlichen Waffen -
ein interessantes Kapitel Sammlungsgeschichte.
Noch heute birgt das britische Stammschloß Waddeston Manor - Zufluchtsort für jüdische Kinder während des
Krieges - eine der umfangreichsten Kunstsammlungen der Welt. Anwesen und Sammlungsbestände wurden von
der Familie dem Staat übertragen - wohlgemerkt in Form einer freiwilligen Stiftung.
Der zweite Weltkrieg bedeutete für den österreichischen wie den französischen Familienzweig hingegen
den Verlust von Geschäfts- und Privatvermögen. Neben menschlichen und finanziellen Einbußen wurde das
Schicksal der heimischen Rothschild-Sammlung besiegelt:
In verschiedene Museen und Sammlungen verstreut, wurden Einheit und Geschlossenheit ihrer Bestände für immer
zerstört.
Den Schlußpunkt jener Diaspora setzte die fulminant verlaufene Auktion bei Christie’s in London.
Anselm von Rothschild, der sich in der Nachfolge seines Vaters Salomon in Wien geschäftlich
etablierte, hatte in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Grundstock der österreichischen Kollektion
angelegt. Hier richtete er in der Renngasse eine umfangreiche Kunstgalerie ein, die 1872 bereits
600 Objekte - u.a. zwei Porträts von Franz Hals und das "Rothschild-Gebetbuch" von 1505 umfaßte.
Seine drei Söhne traten 1874 das Erbe an.
Ihre wachsenden Sammlungen brachten sie in ihren neu errichteten Residenzen unter:
Nathaniel (1836-1905) in der Theresianumgasse,
Ferdinand (1839-1898) in Waddesdon Manor in England und
Albert (1844-1911) in der Heugasse.
Der kinderlose Ferdinand hinterließ seinen Besitz dem British Museum, Waddeston Manor und einige
Bilder an den in Wien residierenden Albert, der auch die Sammlung von Nathaniel erhielt.
Die Sammlungen der österreichischen Linie wurden unter Alberts Söhnen, Alphonse (geb. 1878),
Louis (geb. 1882) und Eugène (geb. 1884) aufgeteilt.
1938 wurden sie mit ihren Angehörigen vom nationalsozialistischen Regime enteignet,
vertrieben oder verhaftet, die überlebenden Familienmitglieder kamen nach 1945 nicht mehr zurück.
Auf Basis des Ausfuhrverbotsgesetzes wurden ihnen die wertvollsten Objekte ihrer Kunstsammlungen genommen,
um die weit weniger wertvolle Rest-Sammlung ausführen zu können.
Die mit fünfzigjähriger Verspätung erfolgte Rückerstattung an Bettina Looram, die Tochter von
Alphonse und Clarisse, und ihre Neffen und Nichten war letztlich eine Überraschung.
Restitutionspolitik nach 1945
(06.09.1999. Dagmar Redl)
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