Bregenz und die Brüste

Die Plakate

Die Zerstörung einiger anrüchiger Sujets des Fotografen Nobuyoshi Araki in Bregenz beweist nicht nur die Ignoranz seitens der Bregenzer Bevölkerung - sondern vor allem von Seiten des Kunstbetriebes.

"Kunst in der Stadt" heißt die erfreuliche Initiative des Kunsthaus Bregenz und des Bregenzer Kulturvereines, die heuer bereits zum dritten Mal den Bregenzer "öffentlichen Raum" mit Kunstwerken beglückt.


Ebenso vieldeutig wie der diesjährige Untertitel "naturally art" interpretierten mehr als 30 Künstler die diejährige Themenvorgabe "Natur" und veränderten oder ergänzten für die Dauer des Sommers die Bregenzer Innenstadt mit den unterschiedlichsten Arbeitsmethoden.


Entgegen der gewohnten Natur zeitgenössischer Kunstpräsentation sind einige der künstlerischen Eingriffe für Nicht-Einheimische kaum oder schwer zu entdecken (vor allem wenn sie überraschen IN Gebäuden stattfinden).


Ausgerechnet der äußerst ungenaue Lageplan verhilft suchenden Kunst-Touristen jedoch zu einem Stadtspaziergan von ungewohnter Detailgenauigkeit - unabhängig davon, ob es sich bei einer interessanten Entdeckung letztlich um ein intendiertes Kunstwerk handelt oder nicht. Auch so können Kunst und Natur miteinander verschmelzen.


Arakis Nackte

Als weniger unauffällig erwies sich die Plakatserie des namhaften Fotografen Nobuyoshi Araki: neben der Spitzenlage am Bregenzer Bahnhofsplatz sorgte vor allem der Inhalt für leserbriefliche Empörung und letztlich für einen mehrmaligen Sabotageakt.

Der Anlaß: Araki nutzte für seinen siebenteiligen Schöpfungszyklus sein gewohntes Bildvokabular: nackte, vorzugsweise gefesselte Frauen.


Anders als die meisten anderen Stadt-Kunstwerke wurden die Abeiten des international reputablen Künstlers nicht eigens erstellt, wohl aber vorsorglich für die empfindliche Bregenzer Bevölkerung ausgewählt (und schon im Vorfeld um eine blutbespritzte Brust erleichtert).


Bregenz reagiert

Angesichts der Besprayungen und Schnitte fällt es leicht, auf das Klischee des kleinbürgerlichen, reaktionären, österreichischen Kunstbanausen zu verfallen - wie es in der Vorarlberger Kulturpresse freudig praktiziert wurde.


Nachdem die beschädigten Araki-Sujets ersetzt und sofort wieder zerstört wurden, beauftragte Kurator Rudolf Sagmeister schließlich die Künstlerin Ingeborg Strobl einen angemessenen Ersatz zu schaffen.
Strobl hatte bereits in ihrer letzten Sexismus-kritischen Ausstellung durch den Vergleich eines Frauenkörpers mit einem Stück Schlachtvieh für Missverständnisse in der Bevölkerung gesorgt.


Strobl ersetzte Ende Juli Arakis genknebelte Frauen mit gängigen Frauenbilder aus der Vorarlberger Tagespresse und "zensierte" kritische Stellen mit dem jeweiligen Zeitungslogo. Die Bilder wurden nicht beschädigt.


Der Beweis scheint erbracht: Was Herr und Frau Kunstbanause im Kleinformat (und nicht nur dort) wohlwollend goutiert, wird als Kunstwerk wahnwitzig sabotiert. Zur Bestätigung ließ man eine der beschädigten Araki-Nackten neben einer beschämenden Krone-Nackten hängen.



Die notwenige Indifferenz gegenüber den aggressiven Inhalten, die ein geübter Kunstbetrachter und Araki-Kenner im Museumsambiente aufzubringen weiß, um in ihnen beispielsweise von weiblicher Verletzlichkeit zu erfahren, DARF beim Bregenzer Spaziergänger nicht vorausgesetzt werden!


Die Provokation



(SL / 06.08.1999)



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